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Zentrales Besprechungsorgan von keinVerlag.de Ausgabe 284/2012 - Thursday, 13. September 2012
Verse in Sommerkleidern
Weimar-Mazur, Werner: hautsterben. Gedichte. Wien (Edition Art Science), 2012 - Eine Rezension von Bergmann

Bibliografische Daten:
Verlag: Edition Art Science
Ort: Wien
Erscheinungsjahr: 2012
Preis: 11,00 Euro
ISBN: 3902864117

Der Gedichtband (102 Seiten) gliedert sich in die Abteilungen IM SCHATTEN, HAUTSTERBEN, DUNAJEC, GESÄNGE, STRANDEN, FREISTUNDE und enthält das Preisgedicht des Hildesheimer Lyrik-Wettbewerbs 2012: lavendelatem. Werner Weimar-Mazur: *1955 in Weimar; aufgewachsen in Karlsruhe, Studium der Geologie; 1989-1992 in Bern | Schweiz; seit 1992 im Raum Freiburg im Breisgau; schreibt Gedichte und Prosa (Belletristik); derzeit Arbeit an einem Roman; Mitglied im Literaturforum Südwest e.V. in Freiburg i. B. (Literaturbüro Freiburg) und im keinVerlag e.V., Erlangen. 2003 Teilnahme am Autorentreffen | Preis "Irseer Pegasus" (Endrunde) mit einem Prosatext. Preisträger des Hildesheimer Lyrik-Wettbewerbs 2012. Publikationen: "Tauch ein – Gedichte 1970-1994" im Waldkircher Verlag, Waldkirch 1995. Einzelveröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien.
Werner Weimar-Mazurs Gedichte sind wie leicht hingetuscht, gewinnen aber stets Tiefe. Sie sind Wort- und Satzgesang, sie klingen. Nie entgleiten sie ins Sentimentale, aber sie haben Gefühl und Herz. Die tektonische Metaphorik (Gebirge - Meer), die in so manchem Gedicht aufscheint, gefällt mir sehr; sie ist zwar nicht neu, aber neu angestrichen, neu gewandet. In Sommerkleidern kommen die Verse daher, transparent, sinnlich - und das gilt auch für die Seele, die gläsern erscheint. Die meisten Gedichte sind Liebesgedichte oder sind angesiedelt in der Sphäre des Liebens und des Sagens. Manche Gedichte reflektieren das Reden über die Liebe und in der Liebe und poetologisch auch das Reden in Versen. Das sprachliche und metaphorische Niveau schätze ich sehr hoch ein. Es ist eine Lyrik, die mit den Sternen am Lyrikhimmel der letzten Jahrzehnte leuchtet. ... Die Gedichte, die Christoph Meckel, dem sie nah sind, nicht ohne Grund lobte, sind sprachlich sehr schön, oft überzeitlich wirkend, sie haben gedanklichen Witz, Leichtigkeit und Tiefe, sie besitzen trotz aller Konventionaliät im sprachlichen Ausdruck neuartige Wendungen und Bilder, überraschende Ideen, insgesamt einen ganz eigenen Ton, der ins Herz dringt und mit sanftem Humor und Leichtigkeit in die Tiefe der Leserseele wirkt.

lavendelatem

lavendelatem
über die fluh bricht bläue
in diesen rauhwackensommer
kalkklüftig war das jahr
und ohne geschichten aus dem mandelland
und ohne das meer
das dir salz ins gesicht wirft
lass flattern dein weißes kleid wie ein segel
leg ab das schwarz
die witwentage sind vorbei
häng dein haar in die gischt wie ein netz
die fische können heut fliegen

Dieses Gedicht ist für mich neben "die mondschale gefüllt" das schönste in dem 102 Seiten langen Büchlein. Mich bestechen die ungewöhnlichen, selten gebrauchten Wörter. Schon der Titel, lavendelatem, verzaubert durch die Beseelung des Blumenkrauts, in dem wir uns selbst spiegeln unterm blauen Himmel. Und was für ein schönes Schlussbild als Pointe des Lebensbejahungsgedichts! Fang mit deinem träumenden und denkenden Kopf die Fische, deine Nahrung, die Dialektik des Seins: Wenn du dich erfindest - in deinen Gedanken und Taten -, dann kannst du auch fliegen, dann übersteigst du jedes Paradoxon!

unaufgeregt

ein berg passt in ein herz
ein tal ein dorf
ein schneefeld in der ferne
ein bach ein fluss
ein bach der uber felsen stürzt
ein haus
der stall steine auf dem weg
im sommer verwilderte schafe
ein neuer belag für die umgehungsstraße
flüsterasphalt
ein berg passt in ein herz
ein tal ein dorf
ein schneefeld in der ferne
ein bach ein fluss
ein bach der über felsen stürzt
dein haus

Das dreiteilige Gedicht sagt, was ein Ich begreifen kann – alles passt in unser Herz und wir sind eins damit in unserem Haus, das für uns steht, eins mit uns selbst. Im Mittelteil tastet sich das Denken des lyrischen Ichs wieder ins Außen, in die geheimnisvolle, romantisch gesehene Dingwelt (Flüsterasphalt), und nun transzendiert dieses Ich, es geht aus sich heraus und findet noch ein anderes Haus, eine andere Heimat – im Du. Es ist dies in seinen kargen feinen Gedanken-Strichen ein wunderbares Liebesgedicht: Auch du passt in mein Herz. Ich verstehe dich, die Welt gehört mir und dir.

Manchmal sind Gedichte

wie welke blätter
die in nasses gras fallen
manchmal wie schnee
der auf den bergen taut
eine flut im fluss
auf dem wege zum meer
gedichte können sterben
weinen
auch lachen
manchmal haben sie die kraft
einer frau
oder das gewicht
eines schmetterlings
gedichte fragen nicht
ob sie geliebt werden
manchmal sind gedichte
eifersüchtig
auf das leben

manchmal nicht.

Dieses Gedicht redet von der Sprache und ihrem Eigenleben, das sie außer uns führt. Und uns doch so ähnlich ist. Unsere Gedichte können sterben, heißt es. Hölderlin glaubte oder hoffte, in seinen Versen zu überleben. Eines Tages sterben auch die berühmtesten Gedichte. Ob das hier gemeint ist? Ich weiß es nicht. Vielleicht leben Gedichte nur in ihrem alten Leben weiter – erst in unserer Deutung lebt es wieder. Gedichte sind unabhängig und brauchen keine Liebe. Sprache ist autonom. Eifersüchtig können sie sein, wenn sie Menschensprache sind. Aber wenn Gedichte die Wahrheit sagen, dann sind sie nicht eifersüchtig, denn sie stehen über uns, freieste Richter des Über-Lebens.
13.9.2012
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