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Ausgabe 252/2010 - Mittwoch, 19. Mai 2010
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Untergang im woyzeckschen Wahnsinn
Bibliografische Daten:
Verlag: Cornelsen
Erscheinungsjahr: 1988
Preis: 5,95 Euro
ISBN: 3454522005
Der in Berlin lebende Bahnwärter Thiel zieht sich nach dem Tod seiner ersten Frau Minna in eine eigene, innere Idylle zurück, die nur aus seinen Bahngleisen und dem täglichen Gebet zu seiner verstorbenen Frau besteht.
Er heiratet die dominante Magd Lene, die ihm und seinem ersten Sohn Tobias das Leben schwer macht. Anstatt für den Kleinen zu Sorgen, gilt ihre Aufmerksamkeit nur dem Zweitgeborenen, was Thiel schwer zu schaffen macht. Trotzdem wagt er es nicht, sich gegen ihre Autorität zur Wehr zu setzen.
Ein schwerer Schicksalschlag wirbelt schließlich Thiels Leben völlig durcheinander...
Der "Bahnwärter Thiel" ist das bekannteste Frühwerk des deutschen Schriftstellers und Dramatikers Gerhart Hauptmann, der besonders für seine Stücke "Die Weber" und "Vor Sonnenaufgang" bekannt ist. Hauptmann erzählt im "Bahnwärter" in seiner typisch sachlich distanzierten und doch detaillierten Sprache das genügsame Leben des Bahnwärters und wie dieses schließlich aus den Fugen zu geraten droht.
Für mich war es ein Blindkauf, die Reclam-Version für 1,20 € passte einfach hervorragend in meinen Einkaufswagen. Bereut habe ich es nicht. Der Naturalismus Hauptmanns tritt an vielen Stellen deutlich zu Tage. Es gibt ausführliche Beschreibungen der Landschaft und des Wetters, sowie unbeschönigte, detailgetreue Schilderungen unangenehmer Tatsachen - für die damalige Zeit absolut revolutionär.
Die ganze Novelle baut auf einen Konflikt auf und der besteht hauptsächlich zwischen Thiel und seiner zweiten Frau Lene, die von Hauptmann als höchst tyrannisches Weibsbild dargestellt ist, das wie ein Monster einer Frau in das Leben des Bahnwärters tritt. Hauptmann lässt sich viel Zeit, die Charaktere behutsam zu entwickeln, zu entrollen, damit sich der Leser auf die physischen und psychischen Einzelheiten einlassen kann. Es scheint, als ob alles so seinen gewohnten Gang nehmen würde. Erst ab der Hälfte der Erzählung gießt Hauptmann Öl in die ohnehin brennende Glut und die Beziehung scheint zu eskalieren - doch wie für den Schriftsteller typisch, entschärft er die Lage, indem er seine Hauptfigur mehr zu einem hilflosen Opfer als zu einem klassischen Helden erniedrigt. Der Protagonist bleibt durchgehend passiv, der Determinismus der Figuren wird spürbar. Nur am Ende bricht Hauptmann den monotonen Strudel der psychischen Gewalt an Thiel, indem er diesen im woyzeckschen Wahnsinn untergehen lässt. Der Einfluss Büchners ist unübersehbar.
"Bahnwärter Thiel" kann sich wohl deshalb als erste richtige, moderne Erzählung bezeichnen. Der Protagonist ist hilflos, labil, hat keinen starken Willen und zieht sich stattdessen in eine eigene Welt zurück. Man will Thiel aufrütteln, ihn ins Gesicht schlagen vor Scham und Wut, doch als wissender Leser ahnt man, dass die Auflösung des Konfliktes nicht klassischer Natur sein wird. Sie ist unangenehm und deshalb so "modern" für die damalige Zeit.
Einer von vielen guten Gründen, diese Novelle zu lesen.
An dieser Stelle möchte ich bewusst die Nachwuchsschriftsteller auf KV.de ansprechen: "Bahnwärter Thiel" ist ein reicher Schatz an intensiver, zurückhaltender und doch mitreißender Sprache. Die Beschreibungen der Landschaft und des Waldes zusammen mit den Wetterverhältnissen halte ich für einzigartig, denn jene dienen nicht nur dem Schaffen von Atmosphäre, sondern auch dem Untermalen der Gefühle von Thiel. So steht der Regen für Trauer und Melancholie, die aufgehende Sonne verkörpert Hoffnung und Neuanfang.
Auch wie Hauptmann die Charaktere nicht anhand bloßer Beschreibungen der Psyche, sondern vor allem mit dem Äußeren, dem Auftreten und den Handlungen beschreibt, empfinde ich als gelungen und "vorbildlich". Schließlich dröseln viel zu viele Schriftsteller einfach nur die innere Beschaffenheit auf, anstatt die Figuren an ihrer Umwelt und an ihrer Oberfläche zu messen. In der Realität vielleicht nicht immer vorteilhaft, doch in der Literatur ist diese Methode wesentlich wirk- und einprägsamer.
Hauptmanns "Bahnwärter Thiel" ist also nicht nur eine literarisch wertvolle Lektüre, sondern auch ein Lehrstück für Novellisten, die sich von dieser Erzählung einige Scheiben abschneiden können.
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Die hier veröffentlichte Besprechung erschien im Original auf www.keinVerlag.de
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