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Ausgabe 389/2026 - Fr., 13. Mär 2026
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Ein fulminantes Werk gegen das Patriarchat
Bibliografische Daten:
Verlag: Eichborn
Ort: Köln
Erscheinungsjahr: 2026
Preis: 24,00 Euro
ISBN: 978-3-8479-0229-4
Cora hat den Auftrag, ihren kleinen Sohn beim Standesamt unter dem Namen seines Vaters, Gordon, anzumelden. Aber ihre Tochter würde "Bear" für den Kleinen vorziehen. Sie selbst findet "Julian" schön. Florence Knapp erforscht und gestaltet, was geschieht, wenn sie den einen, den anderen oder den Vaternamen wählt ... Ein literarisches Experiment von ebenso unterhaltsamer wie düsterer Tiefe.
Seit Kate Atkinsons genialem „Life After Life“ (Die Unvollendete) habe ich kein so gegen den Strich der Spannungsliteratur gebürstetes, besser: gebautes Werk gelesen, das dennoch spannend bleibt. Es wird nicht eine Geschichte erzählt, sondern gleich drei nebeneinander, alle mir dem gleichen Grundpersonal: Cora, der Mutter, ihrer Tochter Maia, deren 8 Jahre jüngerem Bruder und dem Vater Gordon, einem Erzmacho unter der Maske eines charmanten Allgemeinmediziners. Und wie kommt es zu den drei Geschichten? Die Mutter will ihren kleinen neugeborenen Sohn beim Standesamt anmelden und schwankt zwischen drei Namen: Gordon wie sein Vater (auf diesem Namen besteht er), Julian (findet Cora schön) und Bear (so möchte seine Schwester ihn nennen).
Im ersten Strang des Romans hat Cora Bear als Namen eintragen lassen.
Im zweiten Strang hat sie dafür gesorgt, dass er Julian heißt.
Und im dritten hat sie sich dem Willen ihres Mannes gebeugt und ihn Gordon genannt.
Alles beginnt 1987, und dann heißt es fünfmal „Sieben Jahre später“, der Roman endet im Jahr 2022, und in jedem dieser Kapitel gibt es ein Unterkapitel Bear, eines mit dem Namen Julian und eines mit dem Namen Gordon. Es gibt also einen Bear-Strang, einen Julian-Strang und einen Gordon-Strang. Aber nicht die unterschiedlichen Namen des Jungen, der später ein junger Mann ist, bewirken die Unterschiedlichkeit der geschilderten Schicksale, sondern das unterschiedliche Verhalten Coras: Mit Bear lehnt sie sich eindeutig gegen den anmaßenden Ehemann auf, mit Julian versucht sie zu lavieren, mit Gordon unterwirft sie sich. Ich habe lange kein so fulminantes Werk gegen das Patriarchat gelesen wie dieses; mit Gordon Atkin sen., dem tüchtigen, alle bezaubernden Arzt, hat Florence Knapp einen echten Schurken gestaltet, und wie es leider so ist mit den Schurken, ist er der Motor dieses wunderbaren dreisträngigen Werks. Als ich den Überblick über die drei unterschiedlichen Stränge zu verlieren drohte, habe ich auch versucht, jeden für sich zu lesen, gab das aber auf, weil der sehr filmische Wechselschnitt zwischen den drei Versionen doch auch zu einem Ganzen mit etlichen inneren Querverbindungen führt, das ich nicht aus dem Auge verlieren wollte.
In Kate Atkinsons „Life After Life” muss die Heldin nach vergeblichen Lebensanläufen immer wieder geboren werden, um endlich leben und alle Gefahren überstehen zu können. Atkinson wie Knapp unterwerfen sich nicht den Zwängen einer scheinbar notwendigen, linearen Handlungsführung, sondern erforschen das Mögliche … Wer sich darauf einlässt, erlebt einen tiefgründigen literarischen Spaß mit freilich düsteren Schattenseiten – manche Leser:innen fühlten sich durch die Darstellung häuslicher Gewalt überfordert, die gerade deshalb so intensiv ist, weil man ihr Ausmaß oft nur an den Folgen, z.B. Coras Tod, erkennen kann. Das entnehme ich den Rezensionen auf der Seite von „Lovely Books“. „The Names“, von Lisa Kögeböhn einfühlsam aus dem Englischen übersetzt, ist ein lesenswertes literarisches Ereignis.
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Die hier veröffentlichte Besprechung erschien im Original auf keinVerlag.de
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