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Ausgabe 394/2026 - Do., 10. Sep 2026
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Amüsanter Austausch von Körperflüssigkeiten
Bibliografische Daten:
Verlag: Diogenes
Ort: Zürich
Erscheinungsjahr: 2025
Preis: 32,00 Euro
ISBN: 9783257615944
Der Enkel eines Professors für Literaturwissenschaft, der vorwiegend über Dickens Vorlesung hält, will Schriftsteller werden und geht studienhalber nach Wien, wo er unbedingt eine Frau schwängern muss, um nicht Soldat im Vietnamkrieg zu werden. Esther ist seine ihm unbekannte leibliche Mutter, der er in Israel begegnet, wo sie wahrscheinlich für den Mossad gearbeitet und einen Arm verloren hat …
1978 begegnete ich in Düsseldorf bei einer Podiumsdiskussion im dortigen kommunalen Kino einer israelischen Künstlerin, die mit ihrem eigenen Blut malte, und da sie hübsch, klug und Jüdin war, war ich nahe daran, mich in sie zu verlieben. Aber sie war eine fanatische Anhängerin Begins, des damaligen Ministerpräsidenten von Israel, so dass sie, als ich die Besiedlung des Jordanlandes (wie damals auch Helmut Schmidt) verurteilte, über mich herfiel mit der Beschimpfung, ich sei ein Nazi, ich konterte mit dem Vorwurf, sie schaffe Blut-und-Boden-Kunst, worüber sie völlig außer sich geriet, mich schlagen wollte und vor mir ausspuckte … Daran erinnert mich die Endphase des großartigen Romans „Königin Esther“ von John Irving u.a. über die 60er Jahre in Wien, als James/Jimmy, der Held, der Schriftsteller geworden ist, seine Bücher in Jerusalem signiert …
Ich will gar nicht erst versuchen, den Inhalt des 542seitigen Romans zusammenzufassen, der ist so komplex und kompliziert, wie nur ein Romanmeister ihn bauen kann, ohne Chaos zu stiften. Ich fühlte mich so gut unterhalten wie lange nicht, u.a. durch eine Mutter, die verzweifelt darüber nachdenkt, wie sie ihren halbwüchsigen Sohn vorm Vietnamkrieg bewahren kann: Durch beim Ringen erlittene Verletzungen, oder, wenn sie ausbleiben, etwa durch einen Schuss ins Knie? Aber dann bestimmt John F. Kennedy, dass Männer, die ein Kind haben, nicht eingezogen werden sollen – James/Jimmy geht studienhalber nach Wien – und es geht über hunderte Seiten vor allem um die Frage, wie findet er eine Frau, die er schwängern kann? Diese Verknüpfung von Kriegsfurcht mit dem Wunsch, Vater zu werden, ist genial, und der Akt der Zeugung der kleinen Vienna ist denn auch der amüsanteste Austausch von Körperflüssigkeiten, von dem ich je gelesen habe, vor allem auch deshalb, weil er unter der Regie von Jolanda mit Mieke stattfindet, beide Holländerinnen, beide Lesben, aber Mieke wollte ein Kind …
Es gibt angeblich Irving-Fans, die jeden seiner Romane kennen, zu denen gehöre ich nicht, dies ist mein erster gewesen, vorher kannte ich von ihm nur den Film „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ (für den er das Drehbuch nach dem eigenen Roman geschrieben und dafür einen Oscar bekommen hat), erinnerte mich aber nur noch an die Pflückarbeit auf der Apfelplantage. Aber als ich in „Königin Esther“ einem äthersüchtigen Dr. Larch begegnete, erinnerte ich mich: Den gab es in „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ auch schon, denn auch hier spielen Waisen aus seinem Waisenhaus eine große Rolle, eine davon ist Esther, die James/Jimmy auf die Welt bringt, aber nur um ihn sogleich seiner Ziehmutter zu übergeben, mit der sie eng befreundet ist …
Viele Kritiken des Buches bemängeln, dass Irving sich wiederholt – da ich kein Irving-Fan bin, der alle seine Romane kennt, stört mich das nicht, angeblich soll es Amputationen, Ringen und Abtreibungen immer wieder bei ihm geben (ein Romanautor schöpft eben immer wieder aus demselben autobiografischen Material)– aber allein für die engen Studenten-WG-Wohnverhältnisse im Wien der 60er Jahre mit einer missmutigen Wirtin, ihrer sich prostituierenden Tochter, deren Sohn, der seine Zinnsoldaten mit der Knoblauchpresse köpft, und den deutschen Schäferhund Stark Rain bin ich Irving sehr dankbar, denn ich habe sie in derselben Zeit in Hamburg zugleich anders und ähnlich erlebt.
Wer drastischen Humor nicht mag, sollte das Buch nicht zur Hand nehmen.
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